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Das Stück 05.08 Ich ist noch ein paar andere

Jonas Hassen Khemiri findet es beängstigend, wenn man von Echtheit spricht, und sorgt in München für eine «Invasion» von Abulkasem

VON FRANZ WILLE

Vier Schauspieler auf dem Besetzungszettel für mindestens fünf verschiedene Versionen eines gewissen «Abulkasem» deuten schon an, dass in Jonas Hassen Khemiris erstem Stück nicht einfach einer nur ein anderer sein kann. Tatsächlich ist jeder mindestens vier oder fünf andere, was im Theater nichts weiter Besonderes ist. Dass der schlaksige Dreißigjährige, der gerade freundlich lächelnd die erweiterte Kantine der Münchner Kammerspiele betritt, allerdings gleich behaupten wird, einen ganzen Haufen Identitäten zu besitzen und damit keineswegs falsche Pässe meint, ist ein wenig erklärungsbedürftig.
Jonas Hassen Khemiri wurde 1978 in Stockholm geboren, ist dort aufgewachsen, zur Schule gegangen und besitzt etwas, das man im angespannt vorurteilsfreien Politdeutsch seit einiger Zeit «Migrationshintergrund» nennt. Dieser besteht – zumindest von der schwedischen Mutter und seiner skandinavischen Staatsbürgerschaft aus betrachtet – aus einem tunesischen Vater, mit dem er meistens Französisch redet. Khemiri selbst spricht danebe noch Schwedisch, Englisch, gebrochen Arabisch und betrachtet sich identitätspolitisch, so sagt er nicht ohne Stolz, als Romancier, was nach zwei Erfolgsromanen selbst angesichts eines vielgespielten ersten Theaterstücks niemand von der Hand weisen würde. Sein Thema als Schriftsteller, so meint er weiter, sei die Konstruktion von Identitäten: Die Idee von irgendetwas Echtem und Authentischem findet er dagegen beängstigend. Dazu lächelt er noch etwas freundlicher, und auf die Frage, ob er selbst echt sei, sagt er nicht ohne Nachsicht: «Wäre komisch, wenn ich jetzt nein sagen würde. Mit wem hätten Sie denn dann gesprochen?»

Virus Abulkasem

Zurück zu Abulkasem, der sich auch ein ganzes Theaterstück lang weigert, ein ganzes rundes Ich zu werden. Der Name springt wie ein Virus aus einem alten schwedischen Klassiker, infiziert eine widerwillig theaterbesuchende Schulklasse, frisst sich in den Gehirnwindungen fest und geht auf Weltreise – als stille Post und immer neu belichtete Menschenprojektion verwandelt sich die maghrebinisch klingende Figuren-Wundertüte in das, was man gerade braucht: Ausrede und Sündenbock, Role Model oder Kinderschreck, Wunschbiografie oder Steckbrief-Fratze. Abulkasem bringt es im Lauf seiner rasenden Verwandlungskarriere vom libanesischen Kammerjäger zur arabischen Starregisseurin, vom Asylanten zum Undercover-Agenten, nervt wahlweise als Disco-Macho und unwiderstehlicher Latinlover, umkurvt Kulturen und Nationalitäten und macht selbstverständlich vor Geschlechtergrenzen nicht halt. Wer Abulkasem ist, hängt immer und vor allem davon ab, durch wessen Brille man ihn betrachtet. Am Ende versucht er sogar, sich die Fingerkuppen wegzubrennen, um den letzten erkennungsdienstlichen Rest an Individual-Biologie zu tilgen, aber wirksam gestoppt wird die dramatische Invasion der Abulkasem- Metamorphosen erst, wenn das Theater zu seinem letzten Mittel greift: «Das Licht auf der Bühne wird abrupt gelöscht.»
«Invasion» entstand 2006 als Auftrag des Stockholmer Stadsteaters, als Khemiri mit seinem 2003 erschienen und 120.000 mal verkauften ersten Roman «Das Kamel ohne Höcker» schon ein Kultbuch- Autor war. 2006 ist sein zweites, nicht weniger erfolgreiches Buch «Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen» herausgekommen, und Khemiri blickt inzwischen etwas mitleidig auf seinen Erstling herab: «You know, just a diary novel.» Aber egal ob (zu authentisch klingende?) Tagebuch-Form oder die erzähltechnisch aufwendigere Briefroman- Konstruktion des Nachfolgers, Khemiri folgt fast beängstigend versiert seinem Thema: den Entwicklungsgeschichten seiner in Stockholm aufwachsenden Alter Egos mit ihren arabischen Vätern in einem zunehmend bornierten, zunehmend fremdenunfreundlichen Schweden der neunziger Jahre, als die unter Druck geratende Festung Europa auch im sozialstaatlichen Norden ihre ökonomischen und kulturellen Stacheln gegen die ungeliebten Zuwanderer schärft.
Vor allem die so geliebten wie überforderten Väter mit ihren komisch-verzweifelten Assimilierungsversuchen um bestmögliche «Schwedischheit» geraten dabei immer stärker in Konflikt mit den sprachspielerischen Selbstfindungs und -behauptungsbemühungen von Khemiris fiktiven Stellvertretern Halim und Jonas, deren arabische Sehnsuchtsidentität unterm Strich zunächst nicht weniger rassistisch ausfällt als das schwedische Reinheitsgebot. Unerheblich, wo dabei genau die Grenzen zwischen Biografie und Fiktion verlaufen, die literarisch verarbeiteten Erfahrungen sind vermutlich «authentischer», als ihrem Autor lieb sein kann.
Die Lösung aus dem kulturellen Doublebind liegt für Jonas in «Montecore» auf dem dritten Weg: «Wir haben tunesische Papas und schwedisch-dänische Mamas, wir sind weder ganz suedis noch ganz arabis, sondern etwas anderes, etwas Drittes, und die Erkenntnis, kein Kollektiv zu haben, lässt uns größer werden, um eine eigene Schublade zu schaffen, ein neues Kollektiv, das keine Grenzen kennt, das keine Geschichte hat, ein kreolisierter Kreis, in dem alles gemischt und vermengt und hybridisiert ist. Wir sind die Erinnerung daran, dass ihre Zeit abläuft. Wir sind die, die eure eklige Sprache nehmen und sie verbiegen. Wir sind es, die niemals eine Sprache akzeptieren werden, die uns ausschließt ...»

Der Dritte Raum
Das Zitat ist ein bisschen unfair, weil es tatsächlich die einzige Passage in zwei langen Romanen ist, die ideologisch einwandfrei nach postkolonialistisch gefärbtem Proseminar klingt. Sonst schreibt Khemiri auf der Suche nach Jonas’ Selbstbestimmung ein erfindungsreiches Kunstschwedisch voller Wortschöpfungen und Syntaxpirouetten, das noch in deutscher Übersetzung die Kanaksprak à la Feridun Zaimoglu reichlich blass aussehen lässt.
Das Mantra der Postcolonial Studies, der hybride «Third Space», greift das gute alte abendländische Individuum in seinem heiligen Kern an: der einen, unteilbaren Identität, Substanz und Ursprung jeder Persönlichkeit, genährt und zivilisiert aus seiner mehrtausendjährigen humanistischen Kulturtradition, dem Eichen-Stammbaum jeder Leitkulturbehauptung. Stattdessen betont der Cultural Turn den Konstruktcharakter jeder Tradition und Persönlichkeit, sucht nach Bruchstellen statt nach Wesen und Einheit, nach den widersprüchlichen Einflüssen und Differenzen, aus denen sich die menschenübliche Illusion von Identität zusammensetzt. Macht und Status liegen nicht mehr bei den einen über den anderen, und das Subjekt ist kein unauslotbar tiefer Seelenbrunnen mehr, sondern jeweils individuell abgemischter Knoten- und Kreuzungspunkt der Sprachen, Ordnungen und Wahrnehmungen: Lob der Differenz.
Auf niemanden passt dieses Konzept besser als auf Einwanderer zweiter Generation, den Kindern derer, die ihren vertrauten Kontext verlassen haben, den Anschluss an die ökonomisch verlockende – und oft enttäuschende – Erste Welt suchen und bei denen wie im Fall von Jonas Hassen Khemiri der Riss der Kulturen und Religionen oft mitten durch die Elterngeneration und die eigenen Vornamen und Sprachen geht: «Zuhause sprachen wir Khemirisch – Französisch war die Sprache der Liebe, Schwedisch für die Bürokratiedinge, und Arabisch benutzten wir, wenn wir sauer waren.»

Authentisch konstruiert: «Invasion»
J. H. Khemiri verdient sich seinen Lebensunterhalt, wenn er nicht gerade schreibt, mit dem Lesungs- und Vortragszirkus, der keinem professionellen Schriftsteller erspart bleibt. Gleich am Morgen nach der Münchner Premiere muss er mit der 6-Uhr-Maschine zurück nach Oslo, wo er vor einer versammelten Lehrerschar über seine Bücher spricht. Denn der Mann aus den vielen Ichs ist nicht nur ein charmanter Erzähler und eloquenter Anwalt seiner Sache, sondern – ob er will oder nicht – trotz drittem Raum ein gelungenes Beispiel dessen, was – aus Sicht der Schwedischheit – erfolgreiche Integration bedeutet.
Der Schüler mit den guten Noten hat, bevor er mit dem Schreiben begann, ein paar Semester Wirtschaftswissenschaft belegt, ein halbjähriges Praktikum bei der UN in New York absolviert und studiert nebenher in Stockholm Literaturwissenschaft. Sein jüngerer Bruder hat gerade die Schauspielausbildung abgeschlossen und wird in Khemiris nächstem Theaterstück mitspielen, von dem man inzwischen soviel erfährt, dass es «Five Times God» heißen soll und auf verschiedenen Erzählebenen von den Proben zu Strindbergs «Traumspiel» erzählt: wieder eine Babuschka-Puppe der Wahrheit.
Denn nirgends wirkt das multi-identische Khemiri-Konzept authentischer als auf dem Theater, wo jede Figur per se eine Konstruktion ist und sich in Persönlichkeitsdingen höchstens die Frage stellt, wie offen man diese Lüge eingesteht. Jorinde Dröse und das vierköpfige Kammerspiel-Ensemble (Sandra Hüller, Oliver Mallison, Bernd Moss und Jochen Noch) haben sich für maximale Offenheit entschieden, werfen sich das Stückpersonal von Szene zu Szene wie Spielbälle zu, rasen vor einer simplen Kartonwand durch Kostüme und Perücken und scheinen in der knapp einstündigen Tempoinszenierung mindestens soviel Spaß zu haben wie ihr Publikum. Dass sich jedes Leben lockerer anfühlt, wenn man es als Wegwerf-Rollenspiel betrachtet, kommt erleichternd hinzu. Ob das Migrantensein immer so lustig ist, sollte die nächste Inszenierung klären.
Und wie steht es jetzt mit dem Ich und seinen vielen Identitäten? Ist Identität so ein abendländisch essentielles, unteilbares Ganzes oder eher ein bunt zusammen gebautes (L)Egoland? Oder irgendetwas dazwischen? Vom Theater darf man da keine endgültigen Antworten erwarten. Aber schließlich muss man als Dramatiker nicht wissen, was die Lösung ist, solange man weiß, was das Problem ist, das uns noch lange beschäftigen wird: Der Dritte Raum ist überall.
Und Jonas Hassen Khemiri weiß vielleicht nicht immer so genau, wer er gerade ist – wer weiß das schon? –, aber dafür weiß er genau, was er schreibt.
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